Posted on July 17, 2011 in Perfektionismus by adminComments Off on Perfektionismus Ursachen Teil 2

Weiter geht’s mit dem zweiten Teil der möglichen Ursachen für Perfektionismus.
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Lernen am Modell

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Wenn wir uns entwickeln, brauchen wir Rollenmodelle und Vorbilder, die uns ein Beispiel geben und an denen wir uns orientieren können. Kleine Mädchen ahmen im Spiel die Mutterrolle nach, kleine Jungs die des Vaters.
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Wenn Ihre Mama also besonders großen Wert auf eine perfekte äußere Erscheinung gelegt hat, haben Sie gelernt, dass man noch nicht einmal dem Briefträger ungeschminkt und unfrisiert die Wohnungstür öffnen darf. Und wenn der Papa die richtigen Aufbewahrungsplätze seiner Werkzeuge an der Wand mit schwarzem Stift umkringelt hat, damit sie auch ja immer in perfekter Ordnung sind, dann macht es heute vielleicht Sie wahnsinnig, wenn ein Stift auf Ihrem Schreibtisch es gewagt hat, aus der perfekten rechtwinkligen Ordnung auszubrechen.
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Allerdings kann es auch sein, dass wir von unserem Modell das genaue Gegenteil lernen. Sind die Eltern eher lässig und ein wenig schlampig, ist es durchaus möglich, dass das Kind zur Abgrenzung das genaue Gegenteil wird: ein kleiner Perfektionist. In verschiedenen Phasen der Adoleszenz kann es zu diesem Akt der Abgrenzung und Selbstfindung kommen; besonders intenisv sind sicher die frühe Trotzphase in der Kindheit und die Rebellion in der Pubertät.
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Im Verlauf des Heranwachsens kommen dann andere Rollenmodelle und Vorbilder zum Tragen. Ab einem gewissen Alter werden die Freunde, die Clique und die angesagten Promi-Idole viel wichtiger als die Eltern; die sind plötzlich spießig, peinlich und völlig uncool geworden.
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Es zählt, was in der sogenannten Peergroup, der aktuellen Bezugsgruppe, als cool angesehen wird. Und je perfekter man diesem Ideal entspricht, desto angesehener ist man. Die Jeans muss die sein, die Sänger XY immer trägt, zum Musik hören kommt nur der iPod in Frage, wer beim Flatratetrinken kneift, ist ein absolut uncooler Bauerntrampel.
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So entstehen zum Beispiel ein Marken- und Stylingbewusstsein bei Kindern und Jugendlichen, das sie zur absoluten Perfektion treiben kann. Gerade bei jungen Mädchen kann sich das verzweifelte Streben, einem angeblich perfekten berühmten Idol so ähnlich wie möglich zu werden, in beispielsweise ernsthaften Essstörungen äußern.
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Druck von außen

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Starker Druck von außen kann auch in höherem Alter jemanden zum Perfektionisten mutieren lassen. Der Druck auf dem Arbeitsmarkt ist ein aktuelles Beispiel dafür. Viele Arbeitnehmer fürchten um ihren Arbeitsplatz und begegnen dieser Furcht damit, dass sie sich zum perfekten Mitarbeiter entwickeln, der lange arbeitet, nie Fehler macht und sich völlig anpasst. Sie hoffen, dadurch ihren Arbeitsplatz besser sichern zu können.
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Auch die Medien üben heutzutage einen hohen Druck in Richtung Perfektionismus aus. Manche Anzeigen, Trends und Reportagen erwecken den Eindruck, als sei jemand, der Altersfältchen oder ein wenig Cellulite hat, selber schuld, dass er oder sie einen dermaßen vernachlässigten und abstoßenden Körper hat.
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Ist doch heutzutage alles machbar, da muss man sich gefälligst das Nervengift Botox ins Gesicht spritzen lassen, um noch mit halten zu können, so suggerieren es viele Medien. Schon ganz junge Mädchen sind Stammkundin beim Schönheitschirurgen, damit sie jeden Körpertrend sofort mitmachen können.
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Gerade junge Menschen sind dafür leider sehr anfällig und brauchen oft ein wenig Unterstützung, sich diesem Druck selbstbewusst zu widersetzen. Aber auch im weiteren Verlauf des Lebens ist es eine stetige Herausforderung, zu erkennen, wann man von äußerem Druck manipuliert werden soll und dann passende Strategien an der Hand zu haben, wie man sich dagegen wehren kann. Da wäre man oft für Hilfe dankbar.
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Denn die größte Herausforderung für den Menschen ist es doch, sich so zu schätzen und zu lieben, wie er ist – mit all seinen kleinen unperfekten Macken und Eigenarten. Aber da der Mensch ein dynamisches Lebewesen ist, kann man das zum Glück sehr wohl lernen, dazu ist es nie zu spät.
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Posted on July 15, 2011 in Perfektionismus by adminComments Off on Perfektionismus Ursachen Teil 1

Ein Perfektionist, wie Sie vielleicht einer sind, möchte natürlich gerne eine perfekte Erklärung, woher dieser manchmal stressige Hang zur Perfektion denn nun eigentlich herkommt. Die Psychologie muss Sie da insofern etwas enttäuschen, als es nur ein Bündel an möglichen Antworten gibt, aber keine hundertprozentig eindeutige. Das ist genau so wie bei vielen anderen Charaktereigenschaften: die Neurologie, die Vererbung und die bisherigen Lebenserfahrungen spielen alle ihre Rolle. Folgende Ursachen kommen als Übeltäter in Frage:
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Vererbung

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Die sogenannte genetische Prädisposition bedeutet, dass Sie sozusagen ein latentes Perfektionismus-Gen geerbt haben könnten. Viele Charaktereigenschaften sind genetisch verankert, wie zum Beispiel auch die Extraversion oder die Introversion. Wie stark sich diese genetische Prädisposition allerdings wirklich auswirkt, hängt zu einem großen Teil von Ihren Lebenserfahrungen und den Umständen ab, denen Sie ausgesetzt waren.
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Die Zwillingsforschung hat festgestellt, dass selbst bei genetisch völlig gleichen Anlagen, wie sie eineiige Zwillinge haben, diese im Laufe ihres Lebens doch sehr unterschiedliche Charakterzüge entwickeln können, selbst wenn sie zusammen aufgewachsen sind. Das zeigt auf, wie stark die weiteren Einflussfaktoren der Lebensumstände sich auswirken können: Die Gene sind kein Schicksal!
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Selbst wenn Sie daher den Hang zum Perfektionismus geerbt haben sollten, ist die Stärke seiner Ausprägung immer noch von den individuellen Lebensumständen abhängig.
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Prägung in der Kindheit

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Unter Prägung versteht man die Tatsache, dass die persönliche Entwicklung sehr stark durch Umwelteinflüsse gesteuert wird. Wir reagieren mit Lernen und Verinnerlichung bestimmter Botschaften auf die Signale, die wir aus der Umwelt bekommen. In der Kindheit sind wir natürlich besonders sensibel, da wir von den Menschen, die für uns sorgen, völlig abhängig sind.
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Mit zwei Jahren sind Sie noch zu klein, um sich diese leckeren Spaghetti zu kochen, wenn Mama (meistens ist es immer noch die Mama, die den Kochlöffel schwingt) es nicht tut. Und wenn Mama böse auf Sie ist, bleiben Sie vielleicht hungrig oder müssen Spinat essen. Daher sind die frühen Prägungen oft auch besonders stabil und können ein Leben lang halten.
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Vielleicht wurden Sie als Kind von Ihren Eltern zu besonderer Ordentlichkeit, fehlerfreien Hausarbeiten und perfektem Aussehen angeleitet. Kämm dir das Haar, wie siehst du denn aus! Räum vor dem Spielen dein Zimmer auf! Schreib das Diktat noch einmal komplett neu, du kannst doch nicht einfach radieren! Was, du hast im Rechnen nur eine Zwei? Schäm dich! Ich bin enttäuscht!
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Und vielleicht haben Ihnen Ihre Eltern (Geschwister oder Lehrer) dann auch noch deutlich gezeigt, wie sehr sie sich für einen jämmerlichen Loser wie Sie schämen – dann ist es kein Wunder, wenn Sie eine Botschaft besonders gründlich gelernt haben: Man muss perfekt sein, um Liebe und Anerkennung zu bekommen. Fehler und Unvollkommenheit sind eine Katastrophe, die einem nie passieren darf, sonst hat einen niemand mehr lieb!
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Machen Sie Ihren geschätzten Eltern jetzt aber bitte keine Vorwürfe; sie haben das bestimmt nicht mit Absicht getan! Viele unserer Interaktionen mit Menschen geschehen völlig unbewusst, ohne dass wir uns über ihre Wirkung im Klaren sind. Und da Eltern auch nur nicht perfekte Menschen sind, sagen und tun sie eben auch Dinge, die wahrlich nicht perfekt sind….
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Weiter Ursachen für den Hang zum Perfektionismus gibt es in Teil 2 der Serie.
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Posted on July 13, 2011 in Perfektionismus by adminComments Off on Perfektionismus Definition

Wenn Sie nach einer griffigen Definition für den Begriff „Perfektionismus“ suchen, werden Sie sich leider etwas schwer tun. Wikipedia zum Beispiel antwortet mit zwei knappen Sätzen:

Perfektionismus ist ein psychologisches Konstrukt, das versucht, interpersonelle Differenzen bezüglich des Strebens nach möglichster Perfektion und Fehlervermeidung zu erklären. Eine einheitliche Definition existiert nicht; Forschergruppen haben zahlreiche Facetten des Konstruktes herausgearbeitet.

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Das war vielleicht doch noch nicht so ganz erschöpfend…. suchen wir weiter.
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Was sagt denn die Kirche? Nun, unter einem religiösen Aspekt wird unter Perfektionismus sogar so etwas wie Blasphemie und menschliche Überheblichkeit verstanden, denn Perfektionismus bedeute, unangemessen danach zu streben, gottähnlich zu sein, denn allein der Schöpfer sei perfekt.
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Nun, gehen wir davon aus, dass Sie als Perfektionist dennoch mit angemessener Demut ausgestattet sind und befragen wir die weltlichen Experten.
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Ein Standardlexikon definiert Perfektionismus als den übertriebenen Drang zur Vervollkommnung. Dabei werden extreme Anstrengungen unternommen, um ein perfektes Ergebnis zu erreichen, die sich sogar zu einer fixen Idee auswachsen können.
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Manche Psychologen gehen noch einen Schritt weiter und sehen das zwanghafte Streben nach Perfektion als neurotische und narzisstische Persönlichkeitsstörung an, die sogar zu einer Spaltung der Psyche führen kann. Dabei nehmen sie an, dass der Perfektionismus ein mangelndes Selbstwertgefühl und unterschwellige Ängste verdrängen und kompensieren soll.
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Das ist natürlich schon harter Tobak, und in der Tat wird sich der ganz normale Perfektionist nur selten vor der Spaltung seiner Psyche fürchten müssen.
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Eine praktikable Definition für den ganz normalen Perfektionismus des Alltags liegt sicher irgendwo dazwischen. Folgende Definition hat sich in der praktischen Psychologie exzellent bewährt und trifft es sehr gut:
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Perfektionismus ist das Streben nach fehlerfreier Höchstleistung, die in möglichst allen Situationen erbracht werden soll, selbst wenn die Umstände es nicht erfordern. Dabei investiert der Perfektionist überdurchschnittlich viel Energie in das Erreichen eines perfekten Ergebnisses, setzt sich und seine Umwelt dabei unter Druck und kann sehr schwer damit umgehen, wenn er sein Ziel der Perfektion nicht erreicht.
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So, geschafft! Das trifft den Nagel doch sehr gut auf den Kopf. Sollten Sie selber Perfektionist sein, werden Sie sich gewiss wiedererkennen.
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Im nächsten Teil wird es darum gehen, den Ursachen des Perfektionismus auf die Spur zu kommen.
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